Urlaub soll Erholung bringen. Für Menschen mit Long COVID, ME/CFS oder anderen postinfektiösen Erkrankungen kann er jedoch selbst zu einer großen Belastung werden. Die Anreise, eine fremde Umgebung, ungewohnte Abläufe und der Wunsch, trotz der Erkrankung etwas zu erleben, kosten oft mehr Energie als erwartet.
Besonders tückisch ist, dass die Folgen nicht immer sofort spürbar sind. Im Moment selbst fühlt sich eine Aktivität vielleicht noch machbar an. Der Crash kommt möglicherweise erst Stunden später oder am nächsten Tag.
Urlaub mit Long COVID und ME/CFS bedeutet deshalb nicht, die Erkrankung zu Hause zu lassen. Es bedeutet, die Reise an den Körper anzupassen – nicht den Körper an die Reise.
Warum kann Urlaub zum Crash führen?
Eine Reise besteht aus viel mehr als der Zeit am Urlaubsort. Schon Planung, Packen und Vorfreude können körperliche, geistige und emotionale Energie verbrauchen.
Hinzu kommen mögliche Belastungen wie:
- längeres Sitzen im Auto, Zug oder Flugzeug,
- Lärm, Licht und viele Menschen,
- ein ungewohntes Bett,
- andere Essens- und Schlafenszeiten,
- zusätzliche Wege oder Treppen,
- Gespräche und gemeinsame Unternehmungen,
- spontane Änderungen des Tagesablaufs.
Für einen gesunden Menschen wirken diese Punkte selbstverständlich. Bei Long COVID und ME/CFS können sie jedoch einzeln oder gemeinsam die persönliche Belastungsgrenze überschreiten.
Eine angenehme Aktivität ist dabei nicht automatisch eine leichte Aktivität. Auch Freude, Konzentration und soziale Begegnungen beanspruchen Energie.
Welche Belastungen beginnen bereits vor der Reise?
Manchmal entsteht der entscheidende Energieverlust schon vor der Abfahrt. Wer kurz vorher noch einkauft, Wäsche wäscht, Koffer packt und offene Aufgaben erledigt, startet möglicherweise bereits erschöpft.
Deshalb kann es helfen, die Reise nicht als einzelnen Termin zu betrachten, sondern als längeren Belastungszeitraum:
- Was muss in den Tagen vorher erledigt werden?
- Welche Aufgaben kann jemand anderes übernehmen?
- Ist nach der Ankunft wirkliche Ruhe möglich?
- Gibt es nach der Rückkehr einen freien Erholungstag?
- Welche Pläne dürfen kurzfristig abgesagt werden?
Wer erst am Urlaubsort mit dem Energiesparen beginnt, hat einen Teil des verfügbaren Budgets möglicherweise schon aufgebraucht.
Warum sind Baseline und Pacing auch im Urlaub wichtig?
Die Baseline beschreibt vereinfacht den Umfang an Belastung, den der Körper aktuell bewältigen kann, ohne eine deutliche Symptomverschlechterung auszulösen. Sie ist nicht jeden Tag gleich. Schlaf, Schmerzen, Infekte, Wetter, Stress und vorherige Aktivitäten können sie verändern.
Pacing bedeutet, körperliche, kognitive, emotionale und soziale Belastung an diese aktuelle Grenze anzupassen. Es geht nicht darum, möglichst viel aus einem Tag herauszuholen. Es geht darum, rechtzeitig aufzuhören.
Das kann im Urlaub besonders schwerfallen. Vielleicht möchten die Kinder noch ein Eis essen. Vielleicht liegt das Meer nur wenige Schritte entfernt. Vielleicht möchte man die anderen nicht enttäuschen.
Doch genau dann gilt: Eine Pause ist kein verdorbener Urlaubstag. Sie kann verhindern, dass aus einem Ausflug mehrere schwere Tage werden.
Mehr dazu erklären die Magazinbeiträge über Pacing bei Long COVID und ME/CFS und Post-Exertionelle Malaise.
Wie lässt sich Urlaub an die eigene Belastbarkeit anpassen?
Urlaub muss nicht bedeuten, weit zu verreisen. Zwischen Fernreise und vollständigem Verzicht gibt es viele Zwischenformen:
- ein kurzer Ausflug statt einer mehrtägigen Reise,
- eine Unterkunft in vertrauter Umgebung,
- wenige Programmpunkte mit festen Ruhezeiten,
- ein eigener Rückzugsraum,
- flexible An- und Abreise,
- Hilfsmittel und benötigte Medikamente griffbereit,
- Essen und Tagesabläufe möglichst vertraut halten,
- Unterstützung beim Gepäck und bei organisatorischen Aufgaben.
Auch ein Tapetenwechsel innerhalb der eigenen vier Wände kann wohltuend sein. Ein anderer Platz zum Ausruhen, vertraute Musik, Naturgeräusche oder ein Bild vom Meer können kleine Inseln im Alltag schaffen.
Nicht jeder Mensch kann ans Meer fahren. Manchmal ist der Weg dorthin belastender als der Aufenthalt selbst. Entscheidend ist deshalb nicht, was als Urlaub gelten sollte, sondern was dem eigenen Körper tatsächlich guttut.
Eine zusätzliche Orientierung kann das von Dr. Claudia Kanitz entwickelte N.A.V.I.-Modell mit seinen sechs Zahnrädern geben. Es hilft dabei, den eigenen Standpunkt wahrzunehmen und Veränderungen behutsam zu dosieren.
Was sollten Angehörige und Mitreisende wissen?
Betroffene brauchen nicht nur praktische Unterstützung, sondern auch die Erlaubnis, Pläne zu verändern. Ein Satz wie „Wir schauen morgen, was möglich ist" kann entlastender sein als ein vollständig durchgeplanter Urlaub.
Hilfreich ist, wenn Mitreisende verstehen:
- Ein guter Vormittag garantiert keinen guten Nachmittag.
- Eine Absage ist keine Ablehnung.
- Rückzug bedeutet nicht automatisch schlechte Laune.
- Ein sichtbarer schöner Moment widerlegt die Erkrankung nicht.
- Die Folgen einer Aktivität können zeitversetzt auftreten.
Ein gelungener Urlaub bemisst sich nicht an der Zahl der Ausflüge. Manchmal ist sein größter Erfolg, dass ein Mensch etwas Schönes erleben konnte, ohne sich dafür vollständig zu verausgaben.
Was zählt am Ende bei Urlaub mit Long COVID und ME/CFS?
Urlaub mit Long COVID und ME/CFS erfordert eine andere Vorstellung von Erholung. Weniger Programm, mehr Flexibilität und konsequentes Pacing können helfen, die Belastung zu begrenzen.
Dabei gibt es keine Lösung, die für alle passt. Die entscheidende Frage lautet nicht: „Was müsste im Urlaub möglich sein?" Sondern: „Was ist für meinen Körper heute möglich?"