Long COVID, ME/CFS und andere postinfektiöse Erkrankungen können viele Bereiche des Körpers gleichzeitig betreffen. Entsprechend lang ist die Liste möglicher Untersuchungen, Therapieansätze und Alltagsempfehlungen. Für Betroffene entsteht schnell das Gefühl, alles gleichzeitig verstehen und ausprobieren zu müssen.

Das von Dr. Claudia Kanitz entwickelte N.A.V.I.-Modell soll in dieser Situation Orientierung geben. Es ist weder ein Therapieprogramm noch ein Heilversprechen. Vielmehr dient es als Kompass: Wo stehe ich gerade, was brauche ich jetzt und welcher Schritt könnte zu meiner gegenwärtigen Belastbarkeit passen?

Ergänzt wird dieser Kompass durch sechs Zahnräder. Sie stehen für unterschiedliche Wirkbereiche, die sich gegenseitig beeinflussen.

Warum brauchen Betroffene Orientierung?

Wer plötzlich schwer und chronisch erkrankt, verliert oft mehr als körperliche Belastbarkeit. Gewohnte Rollen, Tagesabläufe, berufliche Pläne und das Vertrauen in den eigenen Körper können ins Wanken geraten.

Gleichzeitig begegnen Betroffene zahlreichen, teilweise widersprüchlichen Empfehlungen. Was einem Menschen geholfen hat, kann für einen anderen zu viel, zu früh oder nicht passend sein.

Das Buch „Long Covid · Long Story" versteht sich deshalb als Werkzeugkasten. Es geht nicht um die eine Methode, die eine komplexe Multisystemerkrankung lösen soll. Im Mittelpunkt steht das Zusammenspiel verschiedener Ebenen – und die Frage, was in der individuellen Situation hilfreich sein könnte.

Was ist das N.A.V.I.-Modell?

N.A.V.I. steht für NeuroAdaptive Verarbeitungs- und Integrationsmethode. Dr. Claudia Kanitz entwickelte das Modell aus ihrer fachlichen Beschäftigung mit NeuroPsychoImmunologie und ihrer eigenen Erfahrung als Betroffene.

Das Modell folgt keiner geraden Linie. Es wird als Spirale dargestellt. Denn der Umgang mit Long COVID oder ME/CFS verläuft selten als gleichmäßige Entwicklung von einem Ausgangspunkt zu einem festen Ziel.

Betroffene können an bekannte Punkte zurückkehren, ohne deshalb wieder ganz am Anfang zu stehen. Ein Crash, eine Pause oder eine erneute Phase der Unsicherheit bedeutet nicht automatisch, dass alles bisher Erreichte verloren ist.

Die zentrale Botschaft lautet: Wiederholung ist kein Scheitern. Rückkehr ist erlaubt. Stillstand kann ein notwendiger Teil der Regulation sein.

Welche fünf Ebenen beschreibt das N.A.V.I.-Modell?

Die Ebenen sind keine Treppe, die möglichst schnell erklommen werden soll. Sie beschreiben unterschiedliche Situationen und Bedürfnisse.

  • Ebene 0: Verlust und Schock. Die Erkrankung verändert das bisherige Leben. Gesundheit, Selbstbild und Orientierung können verloren gehen. Auf dieser Ebene geht es noch nicht um Aufgaben oder Fortschritte.
  • Ebene 1: Akzeptieren und Visualisieren. Akzeptanz bedeutet nicht, die Erkrankung gutzuheißen oder aufzugeben. Es bedeutet, die gegenwärtige Realität wahrzunehmen, ohne weiterhin die gesamte Energie im Kampf gegen sie zu verbrauchen. Innere Bilder und sichere Orte können erste kleine Anker sein.
  • Ebene 2: Orientieren und Verstehen. Zusammenhänge werden langsam greifbarer. Betroffene lernen mögliche Crash-Auslöser, individuelle Muster und persönliche Grenzen kennen.
  • Ebene 3: Mobilisieren und Dosieren. Handeln wird vorsichtig wieder möglich – unterhalb der eigenen Belastungsgrenze. Entscheidend ist nicht die stetige Steigerung, sondern die passende Dosierung.
  • Ebene 4: Integrieren und Wiederholen. Hilfreiche Routinen werden in den Alltag eingebaut. Wiederholung dient dabei nicht der Selbstoptimierung, sondern der Fürsorge und Stabilisierung.

Was stellen die sechs Zahnräder dar?

Das N.A.V.I.-Modell zeigt, wo ein Mensch auf seinem Weg stehen könnte. Die sechs Zahnräder zeigen, welche Bereiche dabei betrachtet werden können.

  • 1. Neuroregulation und Nervensystem. Dazu gehören unter anderem autonomes Nervensystem, Schlaf, Atmung und individuelle Möglichkeiten der Regulation.
  • 2. Psyche, Mindset und Tiefenarbeit. Dieses Zahnrad betrachtet die Verarbeitung der schweren Erkrankung, emotionale Belastungen, Traumadynamiken und innere Stabilität. Das bedeutet ausdrücklich nicht, körperliche Symptome zu psychologisieren.
  • 3. Immunologie, Stoffwechsel und Metabolismus. Hier stehen unter anderem Entzündungsprozesse, Energieproduktion, mitochondriale Funktionen und hormonelle Zusammenhänge im Mittelpunkt.
  • 4. Ernährung und Detox. Dieses Zahnrad umfasst Ernährung, Darm-Hirn-Achse und Mikrobiom sowie mögliche Belastungs- und Entlastungsfaktoren. Individuelle medizinische Fragen gehören in fachkundige Hände.
  • 5. Bewegungsapparat, Muskeln und Struktur. Haltung, Faszien, Muskulatur, Atemmechanik und strukturelle Stabilität können sich gegenseitig beeinflussen. Bei Long COVID und ME/CFS muss Bewegung jedoch immer an die Belastbarkeit angepasst werden.
  • 6. Medizinische Interventionen. Medikamentöse, schmerztherapeutische und weitere medizinische Ansätze bilden ein eigenes Zahnrad. Sie stehen nicht im Gegensatz zu Selbstfürsorge oder Regulation, sondern können Teil eines individuellen Gesamtkonzeptes sein.

Warum sollten sich nicht alle Zahnräder gleichzeitig drehen?

Die sechs Zahnräder sind keine To-do-Liste. Wer versucht, mehrere Ernährungsformen, Übungen, Supplemente und Therapien gleichzeitig zu beginnen, kann sich körperlich, kognitiv und finanziell überfordern.

Hilfreicher sind drei Fragen:

  • Welcher Bereich belastet mich momentan besonders?
  • Welcher kleine Schritt passt zu meiner aktuellen Baseline?
  • Woran erkenne ich, ob er mir guttut?

Auch im Alltag kann diese Orientierung helfen. Wie sie sich beispielsweise auf Reisen und Ausflüge übertragen lässt, zeigt der Artikel Urlaub mit Long COVID und ME/CFS: Wie Erholung nicht zum nächsten Crash führt.

Was bedeutet das N.A.V.I.-Modell für den Alltag?

Das N.A.V.I.-Modell gibt die Richtung vor. Die sechs Zahnräder zeigen, in welchen Bereichen Betroffene und Behandelnde nach individuellen Ansatzpunkten suchen können.

Dabei geht es weder um eine Einheitslösung noch um die Vorstellung, eine schwere Erkrankung ließe sich durch die richtige Einstellung wegdenken. Das Modell möchte Komplexität verständlicher machen und den Druck reduzieren, alles gleichzeitig bewältigen zu müssen.

Das Buch „Long Covid · Long Story – Nicht geheilt. Aber zurück." stellt das N.A.V.I.-Modell und die sechs Zahnräder ausführlich vor. Es verbindet persönliche Erfahrungen mit Wissen und praktischen Werkzeugen für den individuellen Weg. Weitere Informationen über Dr. Claudia Kanitz und das Buch gibt es auf der offiziellen Landingpage.