Welche Warnlampen kommen vor dem Crash?
„Irgendwann schläft man schlecht. Oder hat nur noch Kopfschmerzen. Oder kriegt einen Hörsturz. Oder hat Bluthochdruck. Der Körper meldet sich", sagt Udo Schroeter im Gespräch mit Dr. Claudia Kanitz. Schroeter, 63, wanderte 2006 mit seiner Familie auf die dänische Insel Bornholm aus und schreibt seitdem über innere Mitte, Intuition und Mut. Sein Bestseller „Bin am Meer" ist seit 14 Jahren ein Standardwerk zum Thema Stress.
Claudia kennt die Warnlampen aus eigener Erfahrung, nur dass bei ihr am Ende kein leiser Ausstieg stand, sondern ein lauter Crash. „Es ist so ein Punkt, wo es bei mir wirklich der laute Crash war. Das ist so wie die alte Claudia und die neue Claudia", beschreibt sie den Bruch, an dem auch ihr Buch beginnt.
Warum wird Angst zum Kompass vor dem Crash?
Für Schroeter liegt ein Kern des Problems im Verlernen der eigenen Wahrnehmung: „Wir verlernen zunehmend ein Gespür für uns selbst. Wir wissen manchmal am Ende gar nicht mehr, wer sind wir eigentlich selbst." Genau in diese Lücke rückt still die Angst: „Angst hält Einzug. Und Angst ist dann irgendwann der Kompass. Und Angst geht immer zurück in dieses Vertraute: lieber funktionieren, lieber weitermachen."
Oft reicht Einsicht allein nicht aus, um etwas zu verändern. Aus seinen Männerseminaren am Feuer erzählt Schroeter: „Da sitzen Männer am Feuer, die sagen: Jetzt habe ich es kapiert. Ich wünschte, ich hätte es eher kapiert." Sein Fazit: „Ohne diese große Betroffenheit passiert oft kein Bewusstseinswandel." Und mit Blick auf vermeintliche Vorbilder: „Da draußen laufen so viele Bundestrainerinnen und Bundestrainer rum, die einem erklären, wie Leben funktioniert, aber selber überhaupt nicht in ihrer Kraft sind."
Selbstbestimmter Ausstieg oder erzwungener Crash?
Die Frage, die das Gespräch trägt, bringt Claudia aus eigener Erfahrung mit: Was unterscheidet den selbstbestimmten Ausstieg aus dem Hamsterrad vom erzwungenen durch Krankheit? Schroeters Antwort läuft auf eine Rückreise hinaus: „Irgendwann ist die Reise im Leben tatsächlich eine Reise zurück: dorthin, wo man noch in Verbundenheit mit sich selber war, um von dort neu aufzubrechen." Ob dieser Weg freiwillig beginnt oder durch einen Crash erzwungen wird, das Ziel bleibt für ihn dasselbe.
Sein Buch „Bin am Meer" bündelt das in vier Lebensbereichen: die eigenen Gaben, Gemeinschaft, die großen Fragen und Mutter Erde. Dahinter steht ein einfacher Satz: „Wenn man seinem eigenen inneren Kompass nicht folgt, entsteht Stress. Und hinter jedem Stress im Leben steckt am Ende Angst." Schroeter zieht daraus eine größere Linie: „Viele Frauen und Männer da draußen sind genauso ausgebrannt wie der Planet, auf dem sie leben."
Warum dauert der Reset am Meer drei Tage?
Aus seinen Seminaren auf Bornholm hat Schroeter eine klare Beobachtung mitgebracht: „Man kommt nicht am Meer an und ist resettet. Das braucht Zeit und Raum." Und weiter: „Es braucht drei Tage, bis die Menschen wirklich am Meer sind." Bedingung dafür sind digitale Nabelschnüre, die konsequent wegbleiben: Smartphone, Laptop, Watch, sogar der Fotoapparat. Stille aushalten, Langeweile wieder zulassen, das gehört für ihn untrennbar dazu. Claudia bringt den Gegenpol auf den Punkt: „Wir scrollen ja Langeweile weg."
Tröstlich findet Schroeter, wie zuverlässig der Effekt eintritt: „Egal wie vollgeladen wir unterwegs sind: Unser System schafft es nach zwei, drei Tagen, sich wieder komplett dort zu verorten, wo wir herkommen." Auch die Forschung zu Wasser und Wohlbefinden, etwa das Konzept „Blue Mind" von Wallace Nichols, beschreibt diese beruhigende Wirkung von Wasserlandschaften auf das Nervensystem.
Wie hilft Naturraum im Alltag gegen den nächsten Crash?
Nicht jeder kann für einen Reset einfach ans Meer fahren, und genau hier wird das Gespräch praktisch. Schroeter macht deutlich, dass es nicht zwingend die Küste sein muss: „Es geht um Naturraum, auch Wiese, Stadtpark, Baumkrone." Claudia ergänzt einen niedrigschwelligen Tipp für den Alltag: nicht unbedingt zur Tablette greifen, sondern erst einen Ausflug ans Wasser probieren. Wer bettlägerig ist, dem hilft nach ihrer Erfahrung auch Visualisieren in Kombination mit Meeresrauschen, ein Ansatz, den sie über eine eigene Ocean-Therapy-Ausbildung vertieft hat.
Wichtig ist dabei die Einordnung, die Claudia selbst im Gespräch vornimmt: Naturraum ist eine Ergänzung, kein Ersatz für medizinische Behandlung oder für die eigene Nervensystem-Regulation. Ein Ausflug ans Wasser kann guttun, ersetzt aber keine Diagnose und keine Therapie.
