Wie fand Nathalie Sander mit Qigong zurück aus der Fatigue?
2018 fiel Nathalie Sander von einem Tag auf den anderen aus: neurologische Beschwerden, Migräne, Missempfindungen, eine Erschöpfung, die sie tagelang ins abgedunkelte Zimmer zwang. „Zwei Jahre in einem Zustand des Nichtwissens" folgten, zwischen MS-Verdacht und Ausschlussdiagnosen, bis zur Genesung vergingen drei Jahre. Was sie schon vorher hatte und was zum Anker wurde: Qigong.
Heute ist die Qigong-Lehrerin mit TCM- und Heilpraktik-Ausbildung, die ihr Angebot unter dem Namen QiGong Renewal führt, überzeugt, dass Erschöpfung bei Frauen oft eine andere Grundlage hat als das klassische Burnout-Bild. „Die Frau geht nicht einfach so zur Arbeit und macht hinter sich die Tür zu", bringt es Dr. Claudia Kanitz im Gespräch auf den Punkt: Termine werden verschoben statt abgesagt, weil im Hintergrund Familie und Alltag weiterlaufen müssen. Das Manager-Syndrom, das klassische Burnout-Modell, ist rein arbeitsbezogen definiert, aus der Frauenrolle selbst gibt es keinen Feierabend, eine These, die Claudia für ihr zweites Buch mitnimmt.
Was ist Qi in Qigong wirklich, jenseits der Mystik?
„Man muss nur das westliche Vorstellungsbild loslassen", sagt Nathalie Sander zum oft missverstandenen Begriff Qi. Ihre Übersetzung ist funktional statt mystisch: Zellen erzeugen ATP, das Nervensystem gibt Signale weiter, all das sind für sie Formen von Qi, geerbte und aufgenommene Lebensenergie. Qigong ist dabei kein passives Verfahren. „Wir kommen nicht zum Arzt und sagen: Machen Sie bitte. Wir müssen die Verantwortung übernehmen mitzumachen", so Sander. Genau darin liegt für viele Betroffene ein Stück Selbstwirksamkeit zurück.
Welche Fatigue-Muster erkennt Qigong in der TCM?
Für die traditionelle chinesische Medizin ist Erschöpfung nicht gleich Erschöpfung. Sander unterscheidet unter anderem zwei Muster: das Milz-Muster, eine dusselige, schwere Erschöpfung mit Bezug zur Verdauung, die Claudia im Gespräch als Analogie zu Brain Fog liest, und das Nieren-Muster: „Diese bleierne Schwere, die nicht einfach weggeht, indem du ein bisschen schläfst." Die Unterscheidung ist mehr als Etikettierung, sie leitet in der TCM, welche Herangehensweise passt, eine Art Detektivarbeit statt Einheitslösung.
Was hat die 70-Prozent-Regel mit Pacing bei Fatigue zu tun?
Die zentrale These der Folge bringt Sander so auf den Punkt: „Sanft bedeutet nicht wirkungslos. Gerade diese Sanftheit, die Regelmäßigkeit und der Rhythmus sind besonders wirkungsvoll." Dahinter steht ein Grundprinzip der chinesischen Medizin, das sie die 70-Prozent-Regel nennt: „Egal was wir machen in der chinesischen Medizin, gehen wir nie bis zu einer Belastungsgrenze von 100 Prozent." Gelenke werden nie überstreckt, nichts wird forciert.
Claudia ordnet das sofort ein: Es passt verblüffend genau zu dem, was Long-Covid- und ME/CFS-Betroffene als Pacing kennen, unterhalb der eigenen Grenze bleiben, statt sie auszureizen. Sander warnt zugleich vor der Erwartung schneller Wirkung: „Das ist keine schnelle Lösung. Ich drücke ein bisschen im Ohr, stimuliere meinen Vagusnerv und alles wird gut? So funktioniert es auch beim Vagus übrigens nicht." Auch bei neuen Bewegungsformen gilt: zu viel, zu früh kann einen Crash auslösen, ehrliche Dosierung schlägt Enthusiasmus.
Wie fängt man mit Qigong bei Fatigue sicher an?
Für Erschöpfte passt Sander ihre Anleitung deutlich an: „Augen auf. Konzentration erst einmal nur auf die Bewegung." Mit zwei Minuten niedrigschwellig anfangen, meditative Tiefe kommt erst später dazu, weil innerer Fokus bei instabilem Innenleben Ängste eher verstärken kann als lindern.
Ein Trugschluss räumt sie dabei explizit aus: „Atme mal tief durch" ist bei diesem Krankheitsbild kein guter Rat. Wird zu viel Kohlendioxid abgeatmet, wird das Blut alkalischer, die Hirngefäße verengen sich, Schwindel und Kribbeln drohen, gerade bei orthostatischer Intoleranz. Sander bezieht sich dabei explizit auf Patrick McKeown, der in der Atmung-Folge des Podcasts bereits ausführlich erklärt hat, warum die meisten Menschen zu schnell atmen. Erst natürliche, ruhige Atmung, Techniken erst später.
Die Mitmach-Übung selbst, das Qi-Wecken, zeigt Sander im Video direkt vor: auf der Stuhlkante sitzen, Füße hüftbreit, Wirbelsäule aufrichten, die Hände mit der Atmung heben und senken, zwei bis drei Minuten, gern barfuß für den Bodenkontakt. Ihr Schlusswort trägt die ganze Folge: „Nicht aufgeben, immer irgendwas probieren. Es findet sich immer ein kleiner Hoffnungsschimmer."
