Wie häufig ist dysfunktionale Atmung bei Long Covid und ME/CFS?
„Warum spielt Atmung bei Long Covid und chronischer Erschöpfung überhaupt eine Rolle?" Mit dieser Frage eröffnet Dr. Claudia Kanitz das Gespräch mit Patrick McKeown, Begründer der Buteyko Clinic International und des Oxygen-Advantage-Prinzips, der auch das Vorwort zu ihrem Buch geschrieben hat. Seine Antwort: Eine schwere Virusinfektion ist nicht nur Stress für den Körper, sondern auch für die Psyche, gerade wenn ein erfülltes Leben plötzlich zusammenbricht. Diese Belastung verändert die Atmung, oft dauerhaft.
Zahlen dazu gibt es einige. Eine aktuelle Studie zu ME/CFS legt nahe, dass 60 bis 70 Prozent der Betroffenen ein dysfunktionales Atemmuster haben. Zum Vergleich: In der Angst-Population sind es laut McKeown rund 75 Prozent, bei schwerem Asthma bis zu 50 Prozent. In der Allgemeinbevölkerung liegt der Wert je nach Studie deutlich niedriger. Erfasst wird das häufig über den Nijmegen-Fragebogen, ein validiertes Instrument zur Einschätzung von Überatmung und chronischer Hyperventilation. Ab 23 Punkten gilt ein Ergebnis dort als hinweisend. In einer schwedischen Studie zu Erschöpfungssyndrom und Hyperventilation lagen die untersuchten Personen bei 26 bis 27 Punkten, durch die Bank.
Was war zuerst da, die dysfunktionale Atmung oder die Erschöpfung? „Das weiß niemand wirklich", sagt McKeown dazu offen. Klar ist nur: Es gibt eine Wechselwirkung. Und als die Forschenden in der schwedischen Studie gezielt an der Hyperventilation ansetzten, gingen Symptome von Erschöpfung und depressiver Verstimmung zurück.
Warum ist Nasenatmung wichtiger als gedacht?
Ein zentrales Thema im Gespräch: der Unterschied zwischen Nasen- und Mundatmung. Als ehemalige Zahnärztin kennt Claudia Kanitz die Folgen aus eigener klinischer Erfahrung, in ihrer Praxis brachte sie bereits Kindern bei, nicht durch den Mund zu atmen. McKeown ergänzt die dentale Perspektive: Dauerhafte Mundatmung trocknet die Mundschleimhaut aus. Speichel, der eigentlich Essensreste wegspült und den pH-Wert im Mund stabil hält, fehlt. Sinkt der pH-Wert unter etwa 5,5, steigt das Risiko für Zahnschäden. Die Bakterienvielfalt im Mund verändert sich, mit jedem Schlucken gelangt das auch in den Darm.
Nasenatmung ist außerdem eine Brücke zum Nervensystem: Bei geschlossenem Mund ruht die Zunge oben am Gaumen, der Unterkiefer kommt weiter nach vorn, die Atemwege bleiben offener. Nach McKeowns Einschätzung wachen rund die Hälfte aller Erwachsenen morgens mit trockenem Mund auf, ein Hinweis auf nächtliche Mundatmung, den bislang kaum jemand systematisch mit seiner Zahn- oder Schlafgesundheit in Verbindung bringt.
Wie hängen Atmung und Schlaf zusammen?
Für Schlaf nennt McKeown drei Faktoren. Erstens das Nervensystem: Übererregung zeigt sich oft zuerst im Schlaf, als Einschlafproblem, nächtliches Aufwachen oder zu frühes Erwachen, gerade zu Uhrzeiten, zu denen der Kopf eigentlich klar sein müsste. Zweitens die Atemwege: Muss der Körper sich beim Atmen anstrengen, etwa weil Gaumen, Zunge oder Kehlkopf beim Einatmen leichter kollabieren, reißt das aus dem Tiefschlaf, oft ohne dass die betroffene Person davon etwas mitbekommt, nur das Gefühl bleibt, morgens nicht erholt zu sein. Drittens das Atemmuster selbst: Wie tagsüber geatmet wird, beeinflusst laut McKeown auch die Atmung im Schlaf.
Praktisch wird das bei CPAP-Geräten, dem Goldstandard bei Schlafapnoe: Ist der Mund während des Schlafs offen, kann Luft aus der Nasenmaske durch den Mund wieder entweichen, ein sogenanntes Mask Leak. Das Gerät muss den Druck erhöhen, was unangenehmer wird und die Therapietreue senkt. McKeown arbeitet aktuell an einem Fachartikel genau zu diesem Thema.
Was hat CO2 mit Atmung und Gehirn zu tun?
Im zweiten Teil des Gesprächs geht es um etwas, das in der öffentlichen Diskussion um Atmung fast immer untergeht: Kohlendioxid. Neuere Forschung, unter anderem an der University of New Mexico, untersucht den nächtlichen Reinigungsmechanismus des Gehirns, das glymphatische System. Die Frage: Lässt sich dieser Mechanismus auch im Wachzustand anstoßen, über gezielte, kurze CO2-Erhöhung durch Atemanhalten? Die Idee: Weitung und Verengung der Blutgefäße im Gehirn helfen, Nervenwasser zu bewegen und Stoffwechselreste abzutransportieren. Bei Long Covid und ME/CFS rät McKeown ausdrücklich zu sehr kurzen, sanften Anhaltezeiten, keine langen Pressatmung-Übungen.
Auch das Default Mode Network, jenes Hirnnetzwerk, das beim Grübeln und Gedankenwandern aktiv wird, spielt eine Rolle: Studien zeigen laut McKeown Unterschiede zwischen Nasen- und Mundatmung in der Hirnaktivität, dazu kommt der Einfluss von CO2 auf Aktivität und Vernetzung dieser Regionen, ein noch junges Forschungsfeld. Sein Fazit ist klar gegen einen verbreiteten Reflex gerichtet: Wer bei Stress bewusst tief einatmet, kann damit genau das Gegenteil erreichen. Zu viel CO2 wird abgeatmet, der Blut-pH-Wert steigt, die Durchblutung des Gehirns sinkt. Die Erregbarkeit der Nervenzellen nimmt zu, ein Mechanismus, den auch Neurowissenschaftler wie Andrew Huberman öffentlich diskutiert haben.
Wie gelingt ein sanfter Einstieg in bewusste Atmung?
Beide sind sich einig: Bei Long Covid und ME/CFS entscheidet nicht Ehrgeiz, sondern Dosierung. McKeown beschreibt offen einen eigenen früheren Fehler: Er hat Klient:innen mit chronischer Erschöpfung zu viele Übungen auf einmal gegeben. Die Folge war jeweils ein Crash. Sein Rat heute: klein anfangen, etwa 30 Sekunden, danach eine Stunde Pause, dann erneut versuchen, langsam auf ein, später zwei Minuten steigern, immer mit Rückmeldung des eigenen Körpers. Wer sich nach einer Übung schlechter fühlt als vorher, hat zu viel gemacht, ein Prinzip, das sich eng mit dem Pacing-Gedanken deckt: kurze, häufige Einheiten statt einer langen, erschöpfenden Session.
Wichtig ist dabei die Sicherheit: Atemtechniken wie das nächtliche Verschließen des Mundes mit Mundtape sind nicht für jeden Menschen geeignet und können bei unerkannter Schlafapnoe oder eingeschränkter Nasenatmung ungeeignet oder riskant sein. Das vorab mit ärztlichem Fachpersonal zu besprechen, ist deshalb kein Kleingedrucktes, sondern Teil des Themas selbst.
