Wie wurde die Ärztin selbst betroffen von Long Covid?

Dass die Ärztin selbst betroffen wurde, ist der Ausgangspunkt der ganzen Folge. Dr. Susanne Maas wollte seit ihrer Kindheit Ärztin werden. In der Klinik erlebte sie dann etwas anderes, als sie sich erhofft hatte: „Wir haben da Patienten mit Lebensgeschichten und wir sehen die zehn Minuten", beschreibt sie im Gespräch mit Dr. Claudia Kanitz. Auf die zehn Minuten folgten Diagnosestempel, Therapie, weitergeschickt werden, ohne Raum für das, was wirklich dahinterstand.

Der eigentliche Bruch kam privat: „Wenn ich heute die Bilder angucke, habe ich das Gefühl, ich habe wie so einen Schnitt drin. Da ist die Person davor und die Person danach." Nach eigener Schilderung folgte auf eine Impfung später eine Covid-Infektion, danach war sie nicht mehr arbeitsfähig. Diese Reihenfolge ist ihre persönliche Erfahrung, keine allgemeine Bewertung von Impfungen: Susanne und Claudia sind sich im Gespräch einig, den Lagerkampf Impfung-oder-Infektion sein zu lassen und stattdessen lösungsorientiert zu bleiben. „Das Spike-Protein, egal woher man es hat, stößt Sachen an, die irgendwo schon da waren", sagt Susanne dazu.

Statt zurück in die Klinik ging sie in die funktionelle Medizin und behandelt heute in kleinem Rahmen. Aus der Ärztin, die selbst betroffen war, wurde eine Ärztin, die anders behandelt, als sie es selbst erlebt hatte.

Was bedeutet Anamnese als Lebensgeschichte für Betroffene?

Im Zentrum von Susannes heutiger Arbeit steht ein Satz: „Die Lebensgeschichte, nicht nur die Krankengeschichte." Ihre Anamnese erfasst Geburt, Beruf, Wohnsituation, Umweltbelastungen und jahrelanges Übergehen der eigenen Grenzen, bevor sie überhaupt mit der eigentlichen Behandlung beginnt. Auch die Basics stehen früh auf der Liste: „Fast alle, wirklich fast alle, haben eine Nebennierenschwäche", sagt sie, dazu Schilddrüse, Hormone, Zyklus-Crashes.

Zur Anamnese gehört für Susanne auch die Atmung als Werkzeug, ein Bezug, der sich mit Patrick McKeown schließt, der das Vorwort zu Claudias Buch geschrieben hat, und mit der bereits veröffentlichten Atmung-Episode des Podcasts. Claudia und Susanne räumen im Gespräch außerdem mit Nomenklatur-Streits auf: Long Covid, Post-Covid, Post-Vac und PEM sind für sie keine Frage von Lagern, sondern von Symptomen, die behandelt werden müssen.

Ein wiederkehrendes Bild aus der Folge: das Puzzle. „Für jedes Puzzleteil muss man sich fast eine neue Zuständigkeit suchen. Das Große und Ganze zusammenzuhalten, das muss man selber." Genau das versucht die Lebensgeschichte-Anamnese aufzufangen, bevor Betroffene sich selbst zum Fallmanager ihrer eigenen Behandlung machen müssen.

Warum ist Psyche kein Schimpfwort für Betroffene?

„Psyche ist ja kein Schimpfwort", sagt Claudia im Gespräch, und Susanne ergänzt die wichtige Abgrenzung: „Keiner sagt, dass die Krankheit nur psychisch bedingt ist. Aber manchmal kommen sekundär psychische Sachen dazu." Long Covid und ME/CFS sind nicht primär psychisch bedingt, doch die Belastung durch Brain Fog, Krankheitsdauer und fehlende Anerkennung kann psychische Folgen haben, die eigenständig behandelt gehören.

Auch Mental Load kommt zur Sprache: „Kein Mensch kann alles alleine", und niemand kann alles gleichzeitig in Vollzeit leisten, weder als Betroffene noch als Angehörige. Epigenetik und Generationen-Trauma runden das Bild ab, Susanne und Claudia zeigen, wie eng körperliche und psychische Belastung ineinandergreifen, ohne die Erkrankung dabei zu psychologisieren.

Was erleben Betroffene im Gutachterwesen?

Der intensivste Teil der Folge ist das Gutachterwesen. Genau hier zeigt sich, warum es etwas anderes ist, als Ärztin selbst betroffen zu sein, statt nur von außen zu behandeln. Claudia spricht so offen wie nie über ihren eigenen Kampf mit Versicherungen: „Seit 2022 hat sich kein Gremium, keine Versicherung, in die ich eingezahlt habe, für zuständig erklärt. Sie schicken mich von Gutachter zu Gutachter."

Zwei Sätze, die bei ihr sitzen geblieben sind: „Fahren Sie doch mal in Urlaub" und „Long Covid trifft eher Leute ohne Resilienz." Dazu eine Gutachter-Anekdote an einem bettlägerigen Patienten im abgedunkelten Zimmer: „Machen Sie das Fenster doch mal wieder auf." Claudia beschreibt die Folgen so: „Das ist mein Trauma. Ich hatte als Chefin und Mutter vorgesorgt, dass alle abgesichert sind. Und das ist kaputt gemacht worden, weil sie mich als Simulantin darstellen möchten." Internes Gaslighting, verstärkt durch Brain Fog und Pacing-Grenzen, macht diese Verfahren für Betroffene besonders zermürbend.

Wie absurd das System zeitweise wirken kann, bringt Susanne sarkastisch auf den Punkt: „Es ist zum Teil einfacher, Sterbehilfe zu beantragen als ein Pflegegrad."

Wo finden Betroffene Halt?

Die Folge endet nicht bei der Systemkritik. Auch die schwersten Momente werden angesprochen, dazu gehört ein offenes Gespräch über Suizidgedanken (Hinweis und Hilfsangebot siehe oben). Was danach trägt, sind für Susanne und Claudia vor allem Communities: Menschen, die verstehen, ohne dass man alles erklären muss.

Am Ende bleibt die Erfahrung, als Ärztin selbst betroffen gewesen zu sein, kein Einzelfall, sondern ein Perspektivwechsel, den Susanne heute in ihre Arbeit trägt. Sie und Claudia kündigen im Gespräch bereits weitere gemeinsame Folgen an, unter anderem zu Airway Health und Myofunktion.