Ich stand eines Morgens auf und mein Herz raste. Nicht weil ich Angst hatte. Nicht weil ich gelaufen war. Einfach, weil ich aufgestanden war.

Für gesunde Menschen ist der Wechsel vom Liegen zum Stehen kaum der Rede wert. Der Körper gleicht die Schwerkraft automatisch aus, stabilisiert Kreislauf und Blutdruck und versorgt das Gehirn weiter ausreichend. Bei einer Dysautonomie kann genau diese automatische Regulation gestört sein.

Was ist POTS?

POTS steht für posturales orthostatisches Tachykardiesyndrom. Vereinfacht gesagt reagiert der Körper auf die aufrechte Position mit einem auffälligen Anstieg der Herzfrequenz. Im Buch beschreibe ich als ein wichtiges Merkmal einen Pulsanstieg von mehr als 30 Schlägen pro Minute innerhalb von zehn Minuten nach dem Aufstehen – ohne relevanten Blutdruckabfall.

Eine einzelne Messung ersetzt jedoch keine Diagnose. Herzrasen und Schwindel können unterschiedliche Ursachen haben und müssen medizinisch eingeordnet werden.

Welche Symptome können auftreten?

POTS zeigt sich nicht nur durch eine Zahl auf der Pulsuhr. Typische Beschwerden können sein:

  • Herzrasen oder Herzklopfen beim Aufstehen und Stehen
  • Schwindel, Benommenheit oder Schwarzwerden vor den Augen
  • Zittern, Übelkeit und ein ausgeprägtes Schwächegefühl
  • Sehstörungen oder Konzentrationsprobleme in aufrechter Position
  • eine spürbare Besserung durch Hinlegen

Manche Betroffene berichten, dass selbst Brain Fog im Stehen stärker und im Liegen besser wird. Aufrechtes Stehen ist für den Körper dann keine passive Haltung mehr, sondern eine echte Belastung.

Warum wird POTS so häufig übersehen?

Was POTS besonders tückisch macht: Im Liegen können Puls, Blutdruck und andere Standardwerte völlig unauffällig erscheinen. Wer ausschließlich sitzend oder liegend untersucht wird, erlebt möglicherweise eine kurze Momentaufnahme, in der das eigentliche Problem gar nicht sichtbar wird.

Hinzu kommt, dass Herzrasen schnell mit Aufregung oder Angst erklärt wird. Die körperliche Reaktion kann jedoch entstehen, ohne dass zuvor eine Angst oder Anstrengung vorhanden war. Entscheidend ist das wiederkehrende Muster beim Lagewechsel.

Wie wird POTS untersucht?

Zur ärztlichen Abklärung können Puls und Blutdruck im Liegen und während des Stehens wiederholt gemessen werden. Im Buch werden unter anderem diese Verfahren genannt:

  • Schellong-Test: Messung von Puls und Blutdruck beim aktiven Stehen.
  • NASA Lean Test: ein standardisierter Stehtest mit Anlehnen an eine Wand.
  • Kipptischuntersuchung: eine kontrollierte Untersuchung der Kreislaufreaktion beim Aufrichten.

Welche Untersuchung geeignet ist und wie das Ergebnis bewertet wird, sollte eine entsprechend qualifizierte Ärztin oder ein Arzt entscheiden.

Wie hängen POTS, Long COVID und ME/CFS zusammen?

Bei Long COVID und ME/CFS kann das autonome Nervensystem aus dem Gleichgewicht geraten. Dieses Nervensystem steuert Abläufe, über die wir normalerweise nicht nachdenken müssen: Herzschlag, Blutdruck, Verdauung, Temperaturregulation und die Anpassung an aufrechtes Stehen.

POTS ist nicht dasselbe wie Long COVID oder ME/CFS. Es kann jedoch als Teil einer autonomen Dysfunktion gleichzeitig auftreten. Auch eine Small-Fiber-Neuropathie kann autonome Funktionen wie Schwitzen oder Blutdruckregulation beeinflussen.

Das zeigt, warum ein einzelnes Symptom selten das gesamte Krankheitsbild erklärt. Das Modell der sechs Zahnräder betrachtet deshalb mehrere miteinander verbundene Systeme.

POTS und PEM sind nicht dasselbe

POTS betrifft vor allem die Regulation in aufrechter Position. PEM beschreibt dagegen eine oft verzögerte Verschlechterung nach körperlicher, geistiger oder emotionaler Belastung. Beide Probleme können gleichzeitig bestehen.

Ein längeres Stehen, Duschen, Kochen oder Warten kann bei POTS bereits sehr anstrengend sein. Wird dadurch zusätzlich die individuelle Belastungsgrenze überschritten, kann später ein Crash folgen. Deshalb bleibt Pacing bei Long COVID und ME/CFS auch hier wichtig.

Was können Betroffene im Alltag beobachten?

Hilfreich kann sein, wiederkehrende Zusammenhänge zu notieren: Treten Beschwerden besonders nach dem Aufstehen, beim Duschen, in Wärme oder beim längeren Stehen auf? Werden sie im Liegen besser? Wie entwickeln sich Puls, Schwindel und Konzentration?

Solche Beobachtungen können ein Arztgespräch unterstützen. Sie ersetzen weder eine Untersuchung noch rechtfertigen sie eigenmächtige Behandlungsversuche. Gerade bei Herzrasen, Brustschmerzen, Ohnmacht oder neuen starken Beschwerden ist eine medizinische Abklärung wichtig.

Fazit: Wenn Stehen zur Belastung wird

POTS macht sichtbar, wie viel Regulationsarbeit der Körper normalerweise unbemerkt übernimmt. Wenn diese Steuerung gestört ist, können Aufstehen und Stehen zu einer Belastung werden, die Außenstehende kaum erkennen.

Eine passende Diagnose löst nicht sofort alle Probleme. Aber sie kann erklären, warum der Körper so reagiert – und verhindern, dass reale Beschwerden vorschnell als Angst oder mangelnde Kondition abgetan werden.