Was ist Long COVID bei Kindern?

Long COVID bei Kindern beschreibt Beschwerden, die nach einer Corona-Infektion bleiben oder neu auftauchen und einfach nicht mehr verschwinden. Das Kind war vorher gesund, aktiv, lebensfroh. Dann kam die Infektion, von der es sich nie mehr richtig erholt hat. Genau diesen Wendepunkt beschreiben Familien immer wieder.

Ich bin Zahnaerztin und Kieferorthopaedin, ich habe als Kinderzahnaerztin ueber Jahre Kinder begleitet. Und ich bin selbst betroffen, lebe mit Long COVID und ME/CFS. Aus beidem weiss ich: Kinder luegen nicht ueber Schmerzen. Sie spielen sie nicht. Wenn ein Kind aufhoert zu spielen, aufhoert zu lachen, aufhoert in die Schule zu wollen, dann stimmt etwas Grundlegendes nicht.

Die schwerste Verlaufsform ist ME/CFS, ein Erschoepfungssyndrom, bei dem schon kleine Belastungen das Befinden tagelang verschlechtern koennen. Auch Post-COVID-Beschwerden bei Kindern, Begleiterkrankungen wie POTS und in seltenen Faellen Post-Vac gehoeren in dieses Bild. Wichtig ist: Das alles ist eine koerperliche Erkrankung, kein Charakterproblem.

Wie viele Kinder sind betroffen?

Long COVID bei Kindern ist kein Randphaenomen. Schweizer Forschende haben berechnet, dass etwa zwei bis dreieinhalb Prozent der an COVID-19 erkrankten Kinder und Jugendlichen spaeter ein Long-COVID-Syndrom entwickeln. Fuer Deutschland bedeutet das nach Schaetzungen eine sehr grosse Zahl betroffener Kinder, wobei die Dunkelziffer hoeher liegen duerfte, weil Long COVID bei Kindern nicht systematisch erfasst wird.

Auffaellig ist auch: Die grossen Studien aus der Omikron-Zeit deuten darauf hin, dass das Risiko mit jeder weiteren Infektion steigt. Das gilt selbst fuer zuvor gesunde Kinder und auch nach mildem Verlauf. Genau das wird oft unterschaetzt, weil viele denken, ein leichter Infekt koenne keine langen Folgen haben.

Welche Symptome treten bei Kindern auf?

Die Beschwerden sind vielfaeltig und werden leicht uebersehen, weil im Standard-Blutbild oft kein einzelner Wert anschlaegt. Kinder, die vorher draussen gespielt und Sport gemacht haben, liegen ploetzlich in abgedunkelten Zimmern. Licht und Geraeusche koennen Schmerzen ausloesen. Manche koennen kaum noch lesen oder einen Stift halten.

  • Tiefe Erschoepfung, die sich nach Anstrengung verschlimmert und sich nicht ueber Nacht auffuellt
  • Konzentrations- und Gedaechtnisprobleme, das Denken fuehlt sich zaeh an
  • Ueberempfindlichkeit gegenueber Licht, Laerm und Reizen
  • Kreislaufprobleme wie POTS, Herzrasen und Schwindel beim Aufstehen oder langen Sitzen
  • Schmerzen, abrutschende Noten und der Rueckzug aus Sport und Freundeskreis

Warum kann mein Kind nicht mehr zur Schule?

Manche Kinder koennen schlicht nicht zur Schule, weil schon der Weg dorthin mehr Energie kostet, als an diesem Tag da ist. Anziehen, rausgehen, warten, zurueck: Danach ist der Rest des Tages verloren. Das ist kein Unwille. Das Nervensystem reagiert auf Licht, Laerm und Konzentration mit einer Erschoepfung, die Tage kosten kann.

Diese Kinder verpassen nicht nur Unterricht. Sie verpassen Kindheit: den Witz, den alle kennen, das Lachen auf dem Pausenhof, die beste Freundin, die jetzt eine andere hat. Trotzdem nennt das System es manchmal Schulverweigerung oder Schulphobie. Dabei sind viele dieser Kinder hochmotiviert, zurueck in die Schule zu wollen.

Es gibt Wege: flexible Beschulung, digitaler Unterricht, Lernen in kleinen Schritten von zuhause. Einzelne Schulen ermoeglichen schwer erkrankten Kindern bereits virtuellen Unterricht und zeigen damit, was moeglich waere. Lehrkraefte sollten von der Erkrankung wissen. Und wenn sie es noch nicht wissen, gibt es Menschen, die helfen, es ihnen zu erklaeren.

Was koennen Eltern konkret tun?

Der wichtigste Grundsatz heisst Pacing: die verfuegbare Energie bewusst unterhalb der Belastungsgrenze einteilen, damit das Kind nicht ueber seine Grenze geht. Belastung ueber die individuelle Grenze hinaus kann den Zustand laenger verschlechtern. Deshalb ist Druecken und schrittweises Hochtrainieren bei ME/CFS gerade nicht der richtige Weg.

Was hilft, klingt einfach und ist doch viel: zuhoeren, da sein, nicht draengen. Glauben, was das Kind sagt. Und verstehen, dass das, was man nicht sieht, trotzdem wirklich da ist. Gerade weil junge Menschen oft alle Kraft aufbringen, um nicht als faul zu gelten, brauchen sie Erwachsene, die sie schuetzen statt antreiben.

Suchen Sie aerztliche Begleitung, die die Erkrankung kennt, und holen Sie sich Unterstuetzung von aussen. Familiennetzwerke begleiten Eltern durch die Kommunikation mit Schulen, Behoerden und Krankenkassen. Niemand muss diesen Weg allein gehen.

Wo finden Familien Unterstuetzung?

Es gibt Anlaufstellen, die genau auf diese Situation spezialisiert sind. NichtGenesenKids e.V. begleitet betroffene Familien und hat ein grosses Netzwerk aufgebaut. Das paediatrische Versorgungsnetzwerk PEDNET-LC baut bundesweit spezialisierte Strukturen fuer Kinder und Jugendliche auf. Beide Stellen sind ein Anfang, und sie wachsen.

Wichtig fuer Eltern, die sich allein und manchmal sogar verdaechtigt fuehlen: Ein Kind, das nicht in die Schule gehen kann, ist nicht faul. Eltern, die ihr krankes Kind schuetzen, tun das Richtige. Sie sind nicht allein, und Ihr Erleben ist ernst zu nehmen. Wenn ein Kind in einer dunklen Phase ueber sehr schwere Gefuehle spricht, ist die Telefonseelsorge fuer Kinder und Jugendliche rund um die Uhr und kostenlos erreichbar.